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SZ: Vom Gewerkschafter der Schulen zum Bildungsdirektor: Mathias Stricker hat den Rollenwechsel gemeistert

  • Autorenbild: Mathias Stricker
    Mathias Stricker
  • 30. Dez. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Im Sommer ist Mathias Stricker sein Amt als Bildungs-, Kultur- und Sportdirektor angetreten. Seine Vergangenheit als Lehrer und Präsident des Verbands der Lehrpersonen spielt ihm in die Karten – aber nicht nur. Ein Gespräch über Frühfranzösisch, knappe finanzielle Mittel und Herzensentscheide.


Langeweile? Mathias Stricker lacht. Nein, langweilig sei es ihm noch nicht geworden. Im Gegenteil. «Das letzte halbe Jahr war sehr intensiv.» Seit dem 1. August ist Stricker Bildungs-, Kultur- und Sportdirektor.


Als Neo-Regierungsrat besuchte er verschiedenste kulturelle und schulische Institutionen im ganzen Kanton, für die er nun zuständig ist. Gleichzeitig galt es, die Mitarbeitenden und Abläufe in der Verwaltung kennenzulernen.


Und so ganz nebenbei war da noch die eigentliche Arbeit als Regierungsrat. Die Aufgaben und Herausforderungen sind bekanntlich auch in Strickers Departement nicht zu knapp. Die Legislaturplanung für die nächsten vier Jahre musste erstellt, die Umsetzung der Strategie für die Schlösser und Burgen angegangen und ein neues Sportleitbild verabschiedet werden.

In dieser Aufzählung ist der mit Abstand grösste Brocken, die Bildung, noch gar nicht enthalten. Um beim Thema Herausforderungen in der Bildung nur zwei Stichworte zu nennen: Fremdsprachenunterricht und Sonderpädagogik.


«Brücken baut man, indem man die Sprache spricht»


An all den erwähnten Themen wird teilweise seit Monaten gearbeitet. Wird nun einfach umgesetzt, was aufgegleist wurde? Oder kann ein neuer Regierungsrat bereits Einfluss nehmen? Beides, sagt Stricker. Am Beispiel Legislaturplan aufgezeigt: Vorbereitet wurde er mehrheitlich noch von Remo Ankli. Ergänzt hat Mathias Stricker aber das Thema Französisch.


«Das Thema ist mir sehr wichtig, weil Solothurn ein Brückenkanton ist. Und Brücken baut man, indem man die Sprache spricht und den kulturellen Austausch pflegt», sagt Stricker. Und schon ist der Bettlacher voll in der Materie drin.


So schlecht wie sie oftmals dargestellt würden, seien die Französischkompetenzen der Solothurner Jugendlichen nicht, führt er aus. Klare Verbesserungen erkennt er zum Beispiel in der Aussprache und bei den Lernstrategien. Französisch sei schwieriger als Englisch zu lernen. Auch darum müsse die Motivation fürs Französische über das spielerische Lernen erfolgen.


Französisch in der Schule soll gefördert werden


Die vorhandenen Probleme wiederum löse man nicht, indem man das Fach an die Sekundarschule verschiebe, wie es andere Kantone prüfen. «Wir müssen die Schülerinnen und Schüler in Französisch fördern und fordern.»


Und wie genau? Den Sprachaustausch mit dem Kanton Neuenburg will Stricker forcieren. Und den immersiven Unterricht, dass also Fächer wie Sport oder Werken auch auf Französisch unterrichtet werden können. Die Voraussetzung dafür: Dass mehr Lehrpersonen Französisch beherrschen. Dass angehende Lehrpersonen in der Ausbildung Französisch abwählen können, versteht Stricker nicht. Allenfalls müssen die Kantone über die Bücher und Französisch wieder zum Pflichtfach erklären.


Sein Ziel: «Es ist nicht relevant, ob die Kinder die Grammatik perfekt beherrschen. Relevant ist, dass sie sich trauen zu sprechen und Fehler zu machen.»


Knackpunkt Sonderpädagogik


Mindestens genauso viele Diskussionen wie die Fremdsprachen löst die Sonderpädagogik aus. Es ist der Bereich in der Bildung, der vermutlich am stärksten im Wandel begriffen ist. Immer mehr Kinder erhalten Diagnosen oder sind verhaltensauffällig. Gleichzeitig wurden, um zu sparen, die Sonderschulplätze gedeckelt. So viel Separation wie nötig, so viel Integration wie möglich, lautet die Devise. Doch Heilpädagoginnen und Heilpädagogen, die diese Integration in der Regelklasse leisten sollten, sind Mangelware. Hier brauche es Mut für andere Ansätze. Zum Beispiel Unterstützung durch Schulhilfen oder von der schulischen Sozialpädagogik.


Es ist ein Spagat, ja fast schon ein Kunstwerk, das Stricker vollbringen muss. Die finanziellen Vorgaben erfüllen, gleichzeitig sicherstellen, dass alle Kinder und Jugendlichen im Kanton angemessen unterrichtet werden und dabei von den Schulen und Lehrpersonen nicht Unmögliches verlangen.


Wie das alles gelingen soll, ist offen, die Umsetzung steht erst noch an. Was Stricker aber betont: Es brauche einen Schulterschluss von links bis rechts, den Einwohnergemeinden und den Verbänden. Und: Es müsse behutsam vorgegangen werden. In Pilotversuchen werde man sorgfältig testen, was möglichst ist. Und was nicht.


Sparen ja, aber wo und wie viel?


Das Gespräch macht relativ schnell deutlich: Anlaufzeit brauchte Mathias Stricker keine. Vermutlich war kaum je ein Regierungsrat bei seiner Wahl bereits so in der Materie drin wie der ehemalige Lehrer, Kantonsrat und Präsident des Verbands der Lehrpersonen. Das ist ein Vorteil, weil Stricker aus dem Vollen schöpfen kann. Kann aber auch ein Nachteil sein.


«Ich kann nicht alles so gestalten, wie es das Herz vielleicht möchte», sagt Stricker. Was er damit meint: Er ist nicht länger der Gewerkschafter der Schulen, sondern muss als Mitglied des Regierungsrats die Haltung des Gremiums vertreten. Da steht immer das Wohl des ganzen Kantons an erster Stelle und es müssen viel mehr Interessen als «nur» diejenigen der Schulen berücksichtigt werden. Die Kantonsfinanzen, zum Beispiel.


Um diese steht es bekanntlich nicht allzu rosig. Ein Sparpaket musste bereits geschnürt werden, und schaut man auf den Finanzplan des Kantons, werden weitere Sparbemühungen unumgänglich sein. Einen ersten Vorgeschmack lieferte die umstrittene Budgetdebatte im Dezember im Kantonsrat.


Dort wehrte Stricker erfolgreich einen Angriff auf das Budget der Mittelschulen ab. Fast zehn Millionen sollten in diesem Globalbudget gespart werden. Rund 30 Klassen an den Kantis hätte man damit in den nächsten drei Jahren einsparen müssen. «Die Forderung ist drastisch», sagt Stricker. Im Parlament wurde er sogar noch deutlicher: «Schlicht nicht umsetzbar», sagte er dort.


«Wir müssen aufpassen», warnt Stricker. Auch wenn es finanzielle Herausforderungen gebe und diese gemeistert werden müssen, müsse der Kanton trotzdem investieren – auch in die Bildung, Kultur und Sport. «Sonst werden wir abgehängt.»


Solothurner Zeitung, Raphael Karpf, 29.12.2025; Bild Hanspeter Bärtschi

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