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1. August Reden Dulliken und Grenchen

  • Autorenbild: Mathias Stricker
    Mathias Stricker
  • vor 11 Stunden
  • 16 Min. Lesezeit

Bild: Oliver Menge


Dulliken 31. Juli: Wie viel Schweiz steckt in Ihnen?

 

Was denken Sie? Was ist Ihrer Meinung nach eine „gute Schweizerin“ oder ein „guter Schweizer“?

Ist man eine gute Schweizerin oder ein guter Schweizer, wenn man nur eine Landessprache beherrscht oder den Schweizerpsalm nicht mitsingt? Und wie sieht es aus, wenn man den Militärdienst verweigert oder ins Ausland fährt, um dort billiger einzukaufen?

 

Was braucht es eigentlich, um in dieses Land zu passen?

Für die künstliche Intelligenz scheint es klar zu sein: als typische schweizerische Eigenschaften nennt sie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Sauberkeit und Ordnung, den Respekt vor dem Gesetz, die ausgeprägte Arbeitsmoral, Gemeinsinn, Toleranz und Offenheit. Ich glaube, das kennen Sie alles schon.

 

Schon vor 60 Jahren – so alt bin ich bald – zeigten Befragungen, dass fast die Hälfte aller antwortenden Personen davon ausging, dass jemand kein guter Schweizer war, wenn er oder sie traditionelle Werte infrage stellte. Und für immerhin 40 Prozent der Befragten disqualifizierten sich jene Personen, die nach neun Uhr morgens aufstanden. Über ein Viertel der Bevölkerung spricht auch fünfzig Jahre später, in der Volksbefragung „Point de Suisse“, den Langschläfern übrigens noch die Eignung zum guten Schweizer oder zur guten Schweizerin ab. Wann sind Sie heute Morgen aufgestanden?

 

Heute gibt es weniger Vorbehalte gegenüber Personen, die nur eine Landessprache sprechen, die Nationalhymne nicht kennen oder keinen Militärdienst leisten. Zum Standartrepertoire zählen weitere Tugenden wie Steuerehrlichkeit, Gesetzestreue, Solidaritätsdenken, Vereinsengagement und Meinungsoffenheit, die alle das Herz des Gemeinwesens zum Schlagen bringen. Für mehr als die Hälfte der Befragten darf eine gute Schweizerin und ein guter Schweizer heute zudem auch von der Fürsorge leben oder sogar wegen eines kleineren Deliktes einmal verurteilt worden sein.

 

Schwieriger wird es aber, wenn es um die Politik geht. Wer nie abstimmen geht, ist für fast zwei Drittel der Bevölkerung keine gute Schweizer Bürgerin oder kein guter Schweizer Bürger.

 

Wie Sie sehen, ist es nicht einfach, in diesem Land zu genügen. Manchmal ist es herausfordernd, manchmal vielleicht sogar etwas mühsam.

 

Glauben Sie selber, dass Sie den Anforderungen genügen? Wie schweizerisch sind Sie? Wie viel Schweiz steckt in Ihnen? Ich finde es ganz spannend, sich diese Gedanken zu machen. Wie ist meine charakterliche und emotionale Anpassungsfähigkeit, um im Team Schweiz mit seiner anspruchsvollen Demokratie mitzuspielen? Inwiefern teile ich die Meinung des Schweizer Volkes?

 

Unsere Welt wird zwar immer bunter, aber die Antworten, Ansichten und Überzeugungen werden je länger je mehr polarisierender, zunehmend schwarz-weisser. Die Wahrheit oder die Lösungen liegen dagegen oft in den grauen Bereichen. Dies geschieht in einer Zeit, in der die Schweiz für die einen immer attraktiver und verlockender wird, während sie für andere zunehmend dichter, überladener und brüchiger erscheint. Egal ob einheimisch oder zugezogen: Stellen Sie sich selbst auf die Probe. Wie gut passen Sie eigentlich in dieses Land? Ich stelle Ihnen einige Fragen. Versuchen Sie, sich selbst kurz eine Antwort zu geben oder die Frage mitzunehmen.

 

Sind Sie ein Bünzli? ……Was ist das eigentlich ein Bünzli?

Sind Sie eine Festhütte?

Sind Sie ein Vereinsmeier?

Sind Sie offen für Neues?

Sehen Sie das Glas halbleer oder halbvoll?

Verbreiten Sie gute Laune?

Liebe Sie das Risiko?

Vergelten Sie Gleiches mit Gleichem?

Schmieden Sie gerne Kompromisse?

Sind Sie loyal?

Sind Sie ein Arbeitstier?

Fühlen Sie sich benachteiligt?

Sind Sie tolerant?

Vertrauen Sie andern Menschen?

Sind Sie mit Ihrer Nachbarschaft verbunden?

Sind Sie gerne für andere da?

Vertrauen Sie der Politik?

Sind Sie ein Migros- oder Coop-Kind?....ah nein, anderes Thema

Sagen Sie offen, aber differenziert Ihre Meinung?

Sind Sie patriotisch?

Spüren Sie eine Verbundenheit zur Schweiz?

 

Denken Sie über diese Fragen nach - Sie finden sie auch in einem Buch von Markus Freitag. Sie alleine werden es beurteilen können, wie Sie zur Schweiz dazugehören und ob Sie am richtigen Ort sind. Die Fragen bzw. Ihre Antworten können Ihnen eventuell eine Hilfestellung sein.

 

Sie, liebe Anwesende, haben sich heute hier zusammengefunden, um gemeinsam den Geburtstag der Schweiz zu feiern. Wir besinnen uns an diesem Anlass auf das, was uns eint, was uns allen gemein ist: Wir alle leben in der Schweiz. Mir ist es ein Anliegen, dass wir uns heute auf das besinnen, was uns eint und nicht auf das, was uns trennt, sei es politisch, sei es beruflich, sei es in der Art und Weise, wie wir unser Leben leben.

 

Was eint uns also in der Schweiz? Was gefällt mir persönlich an der Schweiz? Was macht für mich die Schweiz aus? Meine Antwort lautet: Dass, die Schweiz eigentlich ein Widerspruch in sich selbst ist. Das macht dieses kleine Land so gross. Die Schweiz lässt sich nicht über eine gemeinsame Sprache, Kultur oder ethnische Herkunft definieren.

Stattdessen gründen ihre staatlichen Fundamente auf Mehrsprachigkeit und kultureller Vielfalt. In diesem Sinne gibt es eigentlich keine Helvetier – sondern Jurasserinnen, Bernerinnen, Bündner, Ticinesi, Waadtländer oder Solothurnerinnen. Man könnte daraus schliessen, die Schweiz existiere nicht. „La Suisse n’existe pas“, so lautete der provokative Titel anlässlich der Weltausstellung 1992 in Sevilla. Ist nicht diese vermeintliche Nichtexistenz genau das Geheimnis ihrer Existenz? Oder anders gesagt: Weil es die Schweiz nicht gibt, gibt es sie umso mehr. Ihre Einheit gründet gerade in ihrer Verschiedenheit.

 

Mehr noch: der nationale Zusammenhalt speist sich aus dem gemeinsamen Streben nach Freiheit und mit ihr nach Selbstbestimmung und Eigenverantwortung. Denn „Frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht“, wie es in der Präambel der Bundesverfassung so schön formuliert ist. Die Schweizerinnen und Schweizer haben sich darauf verständigt, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben.

Identität durch Heterogenität – und umgekehrt. Sinnbildlich für diese helvetische Bündnispolitik steht auf der Glaskuppel des Bundeshauses: „Unus pro omnibus, omnes pro uno“. Einer für alle, alle für einen.

 

Die Schweizerinnen und Schweizer sind eine Ansammlung von Menschen unterschiedlichster Herkunft und Mischung. Mehr noch als das: Wenn ein Hinzugezogener – ganz gleich woher er oder sie ursprünglich kommt – sich mit dem schweizerischen Ideal identifiziert, d.h. Vielheit in der Einheit zu leben, wenn er für Grundrechte, Bürgerrechte und soziale Ziele einsteht, wenn er sich dazu verpflichtet, die Würde des Menschen zu achten und zu schützen – dann wird er oder sie früher oder später selbst zum Schweizer, zur Schweizerin.

 

Die Schweiz ist so vielfältig, so bunt, so vielsprachig und verschiedenartig. Aber dass sie trotzdem eine Schweiz ist, ein gelebter Zusammenhalt – das macht sie so besonders, so einzigartig. Das ist das, was mir persönlich an diesem Land so gefällt – diese Vielfalt.

 

Ich habe meine erwachsene Tochter gefragt, was für sie die Schweiz ausmacht. Sie sagt, es sind die Menschen, welche offen für Neues sind, sich in ihrer kleinen Welt für die Menschen einsetzen, um so die Voraussetzungen zu schaffen, Grösseres in der Schweiz und der Welt zu verändern. Dem schliesse ich mich an.

 

Offen sein für die Welt ist wohl noch in keiner Generation so wichtig gewesen, wie dies heute mit der Globalisierung ist. Offen sein für die Welt ist einfacher, wenn wir unserer Herkunft sicher sind, wenn wir selbstbewusst auf andere zugehen können. Denn so haben wir einen Rückhalt und müssen uns vor dem Fremden nicht fürchten. Mit starken Wurzeln können wir einem Sturm standhalten, wir können uns auf andere einlassen, ohne Angst zu haben, von Neuem oder Fremdem überrollt zu werden und wer weiss, vielleicht erkennen wir ja auch eine Bereicherung im Neuen und Fremden.

 

Und was bedeutet das für unseren Alltag?

 

Die Schweiz braucht Sie zum Vorwärtskommen, handeln Sie aktiv. Ich mache Ihnen fünf konkrete Vorschläge:

 

1. Schreiben Sie Ihre eigene 1. August-Rede: Seien wir ehrlich. Auch wenn in vielen Reden die Schweiz bis zur Klischeegrenze abgefeiert wird, der Bundesfeiertag ist der Tag, um über die Schweiz zu sinnieren. Es ist eine gute Gelegenheit, sich zu fragen, welche Werte und Haltungen Ihnen wirklich wichtig sind. Welche Wünsche haben Sie für Ihre Schweiz? Sehr gerne lese ich Ihre Reden, bringen Sie sie in Umlauf.

 

2. Nehmen Sie Kontakt auf: Wenn Sie sich über Politiker ärgern, rufen Sie einen Gemeinderat an. Schreiben sie der Nationalrätin eine E-Mail. Tauschen Sie sich freundlich aus. Nirgends in der Welt ist es so einfach, mit Politikerinnen in Kontakt zu treten, an Anlässen, an Vorträgen, an Apéros. Sagen Sie Ihre Meinung, hören Sie zu, diskutieren Sie. Aber machen Sie dies nicht auf den Social Medias. Schimpfen auf Facebook oder anderen Kanälen bringt die Schweiz nicht weiter…und die da oben zu beklagen, bringt auch nichts. Sie sind der Staat; 100 Unterschriften reichen, dann muss der Kantonsrat über ein Anliegen aus dem Volk entscheiden. So einfach geht Mitbestimmung.

 

3. Reisen Sie durch die Schweiz, am besten mit dem Zug, denn auf diese Weise können Sie mit den Mitreisenden in Kontakt kommen. Reisen Sie über den Röschtigraben in die Westschweiz, reisen Sie ins Tessin, in die Ostschweiz oder über den Stadt-Land-Graben nach Grenchen – dort darf ich morgen nochmals reden -. Entdecken Sie das „Savoir vivre“ und den urbanen Geist in Lausanne, den Schalk und Witz der Appenzeller und den Unabhängigkeitsdrang der Jurassier. Im Gespräch mit Unterwalliserinnen oder Innerschweizern verschwinden allfällige Klischees - und Sie verstehen unser Land besser. Die Schweiz ist klein und gut erschlossen, im Zug bin ich schnell in jeder Ecke unseres wunderbaren Landes.

 

4. Engagieren Sie sich: Es gibt so viele Möglichkeiten, sich zu engagieren, auch im Kleinen, in der Nachbarschaft, vor der Tür: Setzen Sie sich ein, beispielsweise für den Spielplatz, für den Laden um die Ecke, für eine Gemeindekommission. Demokratie beginnt im Kleinen. Und Demokratie lebt vom politischen Streit. Streit bedeutet, sich fair und sachlich mit Argumenten auseinanderzusetzen. Informieren Sie sich zuerst. Wer Bescheid weiss, erkennt auch, dass das Gegenüber immer auch ein wenig recht hat. Umso wichtiger ist auch, dass man bereit ist, gut zuzuhören und seine Argumente sorgfältig abzugleichen.

 

5. „Sind Sie ein Vereinsmeier?“, habe ich Sie eingangs gefragt. Wenn noch nicht: Treten Sie einem Verein bei. Es macht glücklich, sich fürs Gemeinwesen zu engagieren. Gutes tun für andere – und für sich selbst. Das Herz der Schweizer Gesellschaft sind die Vereine – geprägt vom Engagement Freiwilliger. Sie sorgen für sozialen Kit. Die Vereinskollegin, welche mit ihnen am Fest hinter dem Grill steht, denkt vielleicht ganz anders als sie. Aber Sie arbeiten Hand in Hand, lernen sich schätzen und respektieren. Fast die Hälfte der Schweizer Bevölkerung engagiert sich in einem Verein. Sie auch? Auf der Website von Dulliken habe ich rund 30 Vereine gefunden: Über die Ängelbärg Chöch – schade ist heute nicht der letzte Dienstag im Monat – dann kochen sie, den Basketballklub Jack Daw, die Frauenriege, die Floriansbrüder, die Jugendmusik, dem Mittagstisch, die ökumenische Frauengemeinschaft, die Theaterbühne Dohle, die Mad Dogs, die Trachtengruppe, um nur einige wenige nicht abschliessend zu erwähnen. Gerne können Sie mich anschliessend über Ihren Verein informieren.

 

Allen Vorschlägen gemeinsam ist: Es geht immer um das Gleiche: In Kontakt zu treten, sich auszutauschen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu finden. Das treibt auch mich an. In Bettlach, meinem Wohnort, darf ich mithelfen, den sogenannten Bettläbierobä zu organisieren. Bei diesem Fest trifft sich das Dorf auf ein Bettläbier, von meinen Kollegen und mir gebraut, und auf eine Bettläbierwurst und auf einen Schwatz. Keine Partyband und Rambazamba, einfach miteinander ins Gespräch kommen. Die Leute schätzen das sehr. Gerade auch solche Anlässe bringen die Schweiz weiter.

 

Ich habe mich sehr gefreut über die Einladung, hier nach Dulliken zu kommen. Eine tolle Möglichkeit, zu kommunizieren, neue Menschen kennenzulernen, in einem Kantonsteil, welcher weit weg von meinem Zuhause liegt (kantonal gesehen) und mit dem ich doch einige Berührungspunkte habe: zum Beispiel die Aare, welche ich regelmässig mit meinem SUP befahre und auch schon hier in Dulliken vorbeigefahren bin. Oder meine unzähligen Fussballfights mit dem FC Bellach gegen Dulliken auf dem Sportplatz Ey – für mich in bester Erinnerung der legendäre Roland Grunder. Und ich freue mich, schon bald bei der Schulhauseinweihung anfangs September dabei sein zu dürfen.

 

Ich habe noch eine letzte Frage an Sie. Sind Sie ein Fan der Demokratie?

Die Demokratie ist nicht bequem und nicht perfekt. Im Gegenteil: sie ist herausfordernd, oft anstrengend, schrill, bunt, laut – wenn ich an die Mitbestimmung denke, ständig, immer wieder.

Ich bin ein Fan der Demokratie, denn aktuell leben mehr als zwei Drittel der Weltbevölkerung in Ländern, in denen die Staatsgewalt nicht beim Volk, sondern unkontrolliert bei einer einzelnen Person oder einer Gruppe liegt. Das will ich nicht. Darum kämpfe ich für unsere Demokratie und ich hoffe, dass Sie die Entwicklung dieses gutschweizerischen Fundaments weiterhin unterstützen, vielleicht mit einigen meiner Vorschläge, welche die Schweiz, zu dem machen, was sie ist: eine vielfältige Schweiz.

 

Ich danke allen für die Aufmerksamkeit, fürs Nach- und Mitdenken. Ich wünsche Ihnen einen schönen und besinnlichen 1. August und viele positive Momente. Jetzt freue ich mich auf die Gespräche und den Austausch mit Ihnen.


Bild: Oliver Menge


Grenchen 1. August: Wie viel Schweiz steckt in Ihnen?

 

Was denken Sie? Was ist Ihrer Meinung nach eine „gute Schweizerin“ oder ein „guter Schweizer“?

Ist man eine gute Schweizerin oder ein guter Schweizer, wenn man nur eine Landessprache beherrscht oder den Schweizerpsalm nicht mitsingt? Und wie sieht es aus, wenn man den Militärdienst verweigert oder ins Ausland fährt, um dort billiger einzukaufen? Was braucht es eigentlich, um in dieses Land zu passen?

Für die künstliche Intelligenz scheint es klar zu sein: als typische schweizerische Eigenschaften nennt sie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Sauberkeit und Ordnung, den Respekt vor dem Gesetz, die ausgeprägte Arbeitsmoral, Gemeinsinn, Toleranz und Offenheit. Ich glaube, das kennen Sie alles schon.

 

Schon vor 60 Jahren – so alt bin ich bald – zeigten Befragungen, dass fast die Hälfte aller antwortenden Personen davon ausging, dass jemand kein guter Schweizer war, wenn er oder sie traditionelle Werte infrage stellte. Und für immerhin 40 Prozent der Befragten disqualifizierten sich jene Personen, die nach neun Uhr morgens aufstanden. Über ein Viertel der Bevölkerung spricht auch fünfzig Jahre später, in der Volksbefragung „Point de Suisse“, den Langschläfern übrigens noch die Eignung zum guten Schweizer oder zur guten Schweizerin ab. Wann sind Sie heute Morgen aufgestanden?

 

Heute gibt es weniger Vorbehalte gegenüber Personen, die nur eine Landessprache sprechen, die Nationalhymne nicht kennen oder keinen Militärdienst leisten. Zum Standartrepertoire zählen weitere Tugenden wie Steuerehrlichkeit, Gesetzestreue, Solidaritätsdenken, Vereinsengagement und Meinungsoffenheit, die alle das Herz des Gemeinwesens zum Schlagen bringen. Für mehr als die Hälfte der Befragten darf eine gute Schweizerin und ein guter Schweizer heute zudem auch von der Fürsorge leben oder sogar wegen eines kleineren Deliktes einmal verurteilt worden sein.

 

Schwieriger wird es aber, wenn es um die Politik geht. Wer nie abstimmen geht, ist für fast zwei Drittel der Bevölkerung keine gute Schweizer Bürgerin oder kein guter Schweizer Bürger.

 

Wie Sie sehen, ist es nicht einfach, in diesem Land zu genügen. Manchmal ist es herausfordernd, manchmal vielleicht sogar etwas mühsam.

 

Glauben Sie selbst, dass Sie den Anforderungen genügen? Wie schweizerisch sind Sie? Wie viel Schweiz steckt in Ihnen? Ich finde es spannend, sich diese Gedanken zu machen. Wie ist meine charakterliche und emotionale Anpassungsfähigkeit, um im Team Schweiz mit seiner anspruchsvollen Demokratie mitzuspielen? Inwiefern teile ich die Meinung des Schweizer Volkes?

 

Unsere Welt wird zwar immer bunter, aber die Antworten, Ansichten und Überzeugungen werden je länger je mehr polarisierender, zunehmend schwarz-weisser. Die Wahrheit oder die Lösungen liegen dagegen oft in den grauen Bereichen. Dies geschieht in einer Zeit, in der die Schweiz für die einen immer attraktiver und verlockender wird, während sie für andere zunehmend dichter, überladener und brüchiger erscheint. Egal ob einheimisch oder zugezogen: Stellen Sie sich selber auf die Probe. Wie gut passen Sie eigentlich in dieses Land? Ich stelle Ihnen einige Fragen. Versuchen Sie, sich selbst kurz eine Antwort zu geben oder die Frage mitzunehmen.

 

Sind Sie ein Bünzli? ……Was ist das eigentlich ein Bünzli?

Sind Sie eine Festhütte?

Sind Sie ein Vereinsmeier?

Sind Sie offen für Neues?

Sehen Sie das Glas halbleer oder halbvoll?

Verbreiten Sie gute Laune?

Liebe Sie das Risiko?

Vergelten Sie Gleiches mit Gleichem?

Schmieden Sie gerne Kompromisse?

Sind Sie loyal?

Sind Sie ein Arbeitstier?

Fühlen Sie sich benachteiligt?

Sind Sie tolerant?

Vertrauen Sie andern Menschen?

Sind Sie mit Ihrer Nachbarschaft verbunden?

Sind Sie gerne für andere da?

Vertrauen Sie der Politik?

Sind Sie ein Migros- oder Coop-Kind?....ah nein, anderes Thema

Sagen Sie offen, aber differenziert Ihre Meinung?

Sind Sie patriotisch?

Spüren Sie eine Verbundenheit zur Schweiz?

 

Denken Sie über diese Fragen nach - Sie finden sie auch in einem Buch von Markus Freitag. Sie alleine werden es beurteilen können, wie Sie zur Schweiz dazugehören und ob Sie am richtigen Ort sind. Die Fragen bzw. Ihre Antworten können Ihnen eventuell eine Hilfestellung sein.

 

Sie, liebe Anwesende, haben sich heute hier zusammengefunden, um gemeinsam den Geburtstag der Schweiz zu feiern. Wir besinnen uns an diesem Anlass auf das, was uns eint, was uns allen gemein ist: Wir alle leben in der Schweiz. Mir ist es ein Anliegen, dass wir uns heute auf das besinnen, was uns eint und nicht auf das, was uns trennt, sei es politisch, sei es beruflich, sei es in der Art und Weise, wie wir unser Leben leben.

 

Was eint uns also in der Schweiz? Was gefällt mir persönlich an der Schweiz? Was macht für mich die Schweiz aus? Meine Antwort lautet: Dass, die Schweiz eigentlich ein Widerspruch in sich selbst ist. Das macht dieses kleine Land so gross. Die Schweiz lässt sich nicht über eine gemeinsame Sprache, Kultur oder ethnische Herkunft definieren. Stattdessen gründen ihre staatlichen Fundamente auf Mehrsprachigkeit und kultureller Vielfalt. In diesem Sinne gibt es eigentlich keine Helvetier – sondern Jurasserinnen, Bernerinnen, Bündner, Ticinesi, Waadtländer oder Solothurnerinnen. Man könnte daraus schliessen, die Schweiz existiere nicht. „La Suisse n’existe pas“, so lautete der provokative Titel anlässlich der Weltausstellung 1992 in Sevilla. Ist nicht diese vermeintliche Nichtexistenz genau das Geheimnis ihrer Existenz? Oder anders gesagt: Weil es die Schweiz nicht gibt, gibt es sie umso mehr. Ihre Einheit gründet gerade in ihrer Verschiedenheit.

 

Mehr noch: der nationale Zusammenhalt speist sich aus dem gemeinsamen Streben nach Freiheit und mit ihr nach Selbstbestimmung und Eigenverantwortung. Denn „Frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht“, wie es in der Präambel der Bundesverfassung so schön formuliert ist. Die Schweizerinnen und Schweizer haben sich darauf verständigt, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben.

Identität durch Heterogenität – und umgekehrt. Sinnbildlich für diese helvetische Bündnispolitik steht auf der Glaskuppel des Bundeshauses: „Unus pro omnibus, omnes pro uno“. Einer für alle, alle für einen.

 

Die Schweizerinnen und Schweizer sind eine Ansammlung von Menschen unterschiedlichster Herkunft und Mischung. Mehr noch als das: Wenn ein Hinzugezogener – ganz gleich woher er oder sie ursprünglich kommt – sich mit dem schweizerischen Ideal identifiziert, d.h. Vielheit in der Einheit zu leben, wenn er für Grundrechte, Bürgerrechte und soziale Ziele einsteht, wenn er sich dazu verpflichtet, die Würde des Menschen zu achten und zu schützen – dann wird er oder sie früher oder später selbst zum Schweizer, zur Schweizerin.

 

Die Schweiz ist so vielfältig, so bunt, so vielsprachig und verschiedenartig. Aber dass sie trotzdem eine Schweiz ist, ein gelebter Zusammenhalt – das macht sie so besonders, so einzigartig. Das ist das, was mir persönlich an diesem Land so gefällt – diese Vielfalt.

 

Ich habe meine erwachsene Tochter gefragt, was für sie die Schweiz ausmacht. Sie sagt, es sind die Menschen, welche offen für Neues sind, sich in ihrer kleinen Welt für die Menschen einsetzen, um so die Voraussetzungen zu schaffen, Grösseres in der Schweiz und der Welt zu verändern. Dem schliesse ich mich an.

 

Offen sein für die Welt ist wohl noch in keiner Generation so wichtig gewesen, wie dies heute mit der Globalisierung ist. Offen sein für die Welt ist einfacher, wenn wir unserer Herkunft sicher sind, wenn wir selbstbewusst auf andere zugehen können. Denn so haben wir einen Rückhalt und müssen uns vor dem Fremden nicht fürchten. Mit starken Wurzeln können wir einem Sturm standhalten, wir können uns auf andere einlassen, ohne Angst zu haben, von Neuem oder Fremdem überrollt zu werden und wer weiss, vielleicht erkennen wir ja auch eine Bereicherung im Neuen und Fremden.

 

Und was bedeutet das für unseren Alltag?

 

Die Schweiz braucht Sie zum Vorwärtskommen, handeln Sie aktiv. Ich mache Ihnen fünf konkrete Vorschläge:

 

1. Schreiben Sie Ihre eigene 1. August-Rede: Seien wir ehrlich. Auch wenn in vielen Reden die Schweiz bis zur Klischeegrenze abgefeiert wird, der Bundesfeiertag ist der Tag, um über die Schweiz zu sinnieren. Es ist eine gute Gelegenheit, sich zu fragen, welche Werte und Haltungen Ihnen wirklich wichtig sind. Welche Wünsche haben Sie für Ihre Schweiz? Sehr gerne lese ich Ihre Reden, bringen Sie sie in Umlauf.

 

2. Nehmen Sie Kontakt auf: Wenn Sie sich über Politiker ärgern, rufen Sie einen Gemeinderat an. Schreiben sie der Nationalrätin eine E-Mail. Tauschen Sie sich freundlich aus. Nirgends in der Welt ist es so einfach, mit Politikerinnen in Kontakt zu treten, an Anlässen, an Vorträgen, an Apéros. Sagen Sie Ihre Meinung, hören Sie zu, diskutieren Sie. Aber machen Sie dies nicht auf den Social Medias. Schimpfen auf Facebook oder anderen Kanälen bringt die Schweiz nicht weiter…und die da oben zu beklagen, bringt auch nichts. Sie sind der Staat; 100 Unterschriften reichen, dann muss der Kantonsrat über ein Anliegen aus dem Volk entscheiden. So einfach geht Mitbestimmung. Auch die Petition für das Summerside-Festival ist ein Beispiel.

 

3. Reisen Sie durch die Schweiz, am besten mit dem Zug, denn auf diese Weise können Sie mit den Mitreisenden in Kontakt kommen. Reisen Sie über den Röschtigraben in die Westschweiz, reisen Sie ins Tessin, in die Ostschweiz oder über den Stadt-Land-Graben nach Dulliken – dort durfte ich gestern reden -. Entdecken Sie das „Savoir vivre“ und den urbanen Geist in Lausanne, den Schalk und Witz der Appenzeller und den Unabhängigkeitsdrang der Jurassier. Im Gespräch mit Unterwalliserinnen oder Innerschweizern verschwinden allfällige Klischees - und Sie verstehen unser Land besser. Die Schweiz ist klein und gut erschlossen, im Zug bin ich schnell in jeder Ecke unseres wunderbaren Landes.

 

4. Engagieren Sie sich: Es gibt so viele Möglichkeiten, sich zu engagieren, auch im Kleinen, in der Nachbarschaft, vor der Tür: Setzen Sie sich ein, beispielsweise für den Spielplatz, für den Laden um die Ecke, für eine Gemeindekommission. Demokratie beginnt im Kleinen. Und Demokratie lebt vom politischen Streit. Streit bedeutet, sich fair und sachlich mit Argumenten auseinanderzusetzen. Informieren Sie sich zuerst. Wer Bescheid weiss, erkennt auch, dass das Gegenüber immer auch ein wenig recht hat. Umso wichtiger ist auch, dass man bereit ist, gut zuzuhören und seine Argumente sorgfältig abzugleichen.

 

5. „Sind Sie ein Vereinsmeier?“, habe ich Sie eingangs gefragt. Wenn noch nicht: Treten Sie einem Verein bei. Es macht glücklich, sich fürs Gemeinwesen zu engagieren. Gutes tun für andere – und für sich selbst. Das Herz der Schweizer Gesellschaft sind die Vereine – geprägt vom Engagement Freiwilliger. Sie sorgen für sozialen Kit. Die Vereinskollegin, welche mit ihnen am Fest hinter dem Grill steht, denkt vielleicht ganz anders als sie. Aber Sie arbeiten Hand in Hand, lernen sich schätzen und respektieren. Fast die Hälfte der Schweizer Bevölkerung engagiert sich in einem Verein. Sie auch?

 

Auf der Website von Grenchen habe ich über 110 Vereine gefunden: Über den Aero-Club, Canta Caudio, Granges Melanges, den Kanu-Club, die Kunstgesellschaft, die Pfadi, den Walliserverein, die Naturfreunde, die Schopfbühne, um nur einige wenige nicht abschliessend zu erwähnen. Beim Vereineanschauen ist mir übrigens noch das Moose-Team aufgefallen, weil ich wirklich nicht herausfinden konnte, was der Vereinszweck ist. Vielleicht erfahre ich das heute noch. Gerne können Sie mich anschliessend vor allem auch über Ihren Verein informieren.

 

Allen Vorschlägen gemeinsam ist: Es geht immer um das Gleiche: In Kontakt zu treten, sich auszutauschen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu finden. Das treibt auch mich an. In Bettlach, meinem Wohnort, darf ich mithelfen, den sogenannten Bettläbierobä zu organisieren. Bei diesem Fest trifft sich das Dorf auf ein Bettläbier, von meinen Kollegen und mir gebraut, und auf eine Bettläbierwurst und auf einen Schwatz. Keine Partyband und Rambazamba, einfach miteinander ins Gespräch kommen. Die Leute schätzen das sehr. Gerade auch solche Anlässe bringen die Schweiz weiter.

 

Ich habe mich sehr gefreut über die Einladung hier nach Grenchen. Eine tolle Möglichkeit zu kommunizieren, neue Menschen kennenzulernen, in einem Kantonsteil, welcher ganz nahe bei meinem Zuhause liegt und mit dem ich als Nachbar doch einige Berührungspunkte habe: zum Beispiel die Aare, welche ich regelmässig mit meinem SUP befahre, oder das Bierbrauen, was mir einen sehr familiären Bezug zum Granicum verschafft. Oder meine unzähligen Fussballfights gegen den FC Grenchen mit meinem FC Bäuch. Und natürlich mein langjähriger Austausch als Gemeinderat in Bettlach mit dem Gemeinderat Grenchen. Und ich freue mich, schon bald am Fest zur Einweihung bzw. zur Sanierung des Schulhauses Kastels dabei sein zu dürfen.

 

Ich habe noch eine letzte Frage an Sie. Sind Sie ein Fan der Demokratie?

Die Demokratie ist nicht bequem und nicht perfekt. Im Gegenteil: sie ist herausfordernd – sie merken das aktuell ganz besonders in Grenchen -, oft anstrengend, schrill, bunt, laut – wenn ich an die Mitbestimmung denke, ständig, immer wieder.

Ich bin ein Fan der Demokratie, denn aktuell leben mehr als zwei Drittel der Weltbevölkerung in Ländern, in denen die Staatsgewalt nicht beim Volk, sondern unkontrolliert bei einer einzelnen Person oder einer Gruppe liegt. Das will ich nicht. Darum kämpfe ich für unsere Demokratie und ich hoffe, dass Sie die Entwicklung dieses gutschweizerischen Fundaments weiterhin mit Akzeptanz und Verständnis unterstützen, vielleicht mit einigen meiner Vorschläge, welche die Schweiz, zu dem machen, was sie ist: eine vielfältige Schweiz.

 

Ich danke allen für die Aufmerksamkeit, fürs Nach- und Mitdenken. Ihnen, liebe Grenchnerinnen und Grenchner, wünsche ich einen schönen und besinnlichen 1. August und viele positive Energie, um die Herausforderungen, welche die Stadt Grenchen hat, anzugehen. Aus meiner Sicht ist das Glas immer halbvoll und ich bin überzeugt, Sie werden gute Lösungen für Ihre Stadt finden. Eine Stadt mit grosser Vielfalt und Charakter, Bewegung und Perspektive. Bleiben Sie dran. Gerne auch mit den Worten von Brigitte Stettler in ihrem Stadtbummel: Es gibt doch so viel Positives, Erfreuliches über Grenchen zu berichten, halten wir uns daran…… fair, offen und vertrauensvoll aufeinander zugehen, vorwärts gehen, zusammenhalten.

 

Jetzt freue ich mich auf die Gespräche und den Austausch mit Ihnen.


Solothurner Zeitung 3.8.26

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